Offene Werft und Segelbootmesse

Diese Veranstaltung ist die größte Segelbootmesse in Skandinavien und findet jährlich im August bei Hallberg-Rassy statt. Sehr viele Hersteller von Zubehör, Segelmacher und Wartungsbetriebe sind präsent, zeigen ihre Produkte und stellen ihre Serviceleistungen vor. Auch die anderen, auf Orust beheimateten Marken wie Malö, CR, Regina af Vindö, Sweden Yachts stellen Boote aus. Makler bringen ebenfalls Boote zur Show. Hier sahen wir CARA MIA zum ersten Mal.

Der Rundgang durch die Hallberg-Rassy Werft ist eine ganz besondere Attraktion dieser Bootsmesse und ein echtes Highlight. Er beginnt in der NC-Fertigung. Hier werden Einrichtungsteile aus Sperrholz oder Massivholz wie Teak oder Eiche, aber auch Plexiglas, Corian und Aluminium gefräst, Genauigkeit 0,05mm. Dann kommen die Teile zum Montieren der Kantenleisten und anschließend in die Lackiererei.

Die Rümpfe werden im eigenen Laminierwerk in Kungshamn im Handauflegeverfahren hergestellt und nach Ellös angeliefert. In der Werft werden sie in ein Baufach platziert, wo sie für die gesamte Bauphase bleiben. Die Decks sind mit der Rumpfschale durch Laminieren fest verbunden, die tragenden Schotten und Zwischenwände sind ebenfalls bereits einlaminiert und bilden gemeinsam mit dem Rumpf und dem Deck eine sehr steife Einheit. Diese Bauweise garantiert Dichtheit und Festigkeit. Die allermeisten Werften sind aber aus Kostengründen davon abgekommen. Dort wird das Deck nach dem Innenausbau als Deckel aufgeklebt und verschraubt. Die Rümpfe sind oberhalb der Wasserlinie mit Divinycell isoliert. Dieser Schaum saugt im Gegensatz zu Balsa kein Wasser. Die Verstärkungsmatrix und das Motorfundament ist als Massivlaminat ausgeführt und im Rumpfboden fest einlaminiert, nicht nachträglich verklebt. Die Rümpfe haben innen ein helles Topcoat und außen eine hochglänzende, fertige Oberfläche mit den markentypischen blauen Streifen und einer stabilen Scheuerleiste.
Zuerst wird das Teakdeck verlegt und die Borddurchbrüche gebohrt. Dieses Merkmal der Boote, – die sehr große Zahl an Borddurchbrüchen – hat mich nie begeistert. Sogar zum Entwässern des Decks bohrt man hier Löcher in die Rümpfe. Die Teakdecks werden neuerdings auf einem Schablonendeck vorbereitet, dann auf die Yacht transferiert und mittels Vakuum verklebt. Obwohl der Kern des Decks aus Divinycell kein Wasser aufnimmt, ist das Fehlen von Schraubenlöchern ein großer Vorteil.

Anschließend wird das bzw. die Ruder montiert. Auch bei HR gibt es bei den neuesten Schiffstypen mit den breiten Hecks Doppelruderanlagen. Dann kommen die Einrichtungsschreiner, erst anschließend wird der Motor und alle technischen Einbauten montiert. Die Tanks und alle Einbauten werden durch den Niedergang ins Schiff gebracht. Die Öffnung, durch welche der Motor eingekrant wird, wird später durch den Cockpitboden abgeschlossen. Dann folgen Decksbeschläge, Fenster und das Teak im Cockpit. Schließlich fehlen noch die Innendecke, der Fußboden, Luken, Polster, Teppiche, Vorhänge und andere Kleinigkeiten. Nach der Justierung vieler Details und einer Endreinigung wird der Rumpf aus dem Baufach genommen und erhält den Unterwasseranstrich. Nach dem Aufriggen wird jede Yacht probegesegelt, alle Funktionen getestet sowie die Instrumente kalibriert. Die meisten Kunden segeln ihre Yacht ab Ellös nach Hause, nur selten wird per Tieflader geliefert.

Der Innenausbau ist bei HR traditionell sehr hochwertig ausgeführt. Entsprechend interessant war es, die Tischlerei zu besichtigen. Sehr viel Massivholz war hier zu sehen. Aus ihm werden Grätings, Schotten, Handläufe, Griffe und Möbelteile erzeugt. Sehr aufwendig ist die Herstellung der vielen benötigten formverleimten Bauteile aus Holz. Dazu werden Furniere mit Leim bestrichen und härten dann in Formen aus, sozusagen lamelliertes Edelholz. Diese Technik ergibt sehr stabile Bauelemente mit schönen Bogen für Kojen, Türrahmen, Niedergang, Navigationstisch- und Pantryumrandungen.

Der Rundgang führte durch eine weitere Halle mit aktuell in Produktion stehenden Yachten. Besonders interessant war eine 57er, bei der man noch „hinter die Kulissen“ blicken konnte. Hier sah man die qualitätvolle Verarbeitung der sehr komplexen Technik der großen, neuen Yachten: Schön ausgeführte und beschriftete Verkabelung (die zu jedem Schiff gehörenden, individuellen Schaltpläne sind selbstverständlich korrekt, übersichtlich und vollständig), Kardangelenke statt Seilzüge in der Steuerung, mehrere Kühlaggregate, absenkbare Heck- und Bugstrahlruder, versenkbare TV-Geräte, eingebaute Waschmaschinen, Geschirrspüler, Wassermacher, elektrische Furler und Winschen, umfangreiche Elektronikausstattung. Die Wassertanks sind bei aktuellen Modellen bereits aus Kunststoff. Der Rundgang hinterließ einen sehr starken Eindruck betreffend der hohen Qualität der hier gebauten Boote.

Während dieser Messe kann man aber auch andere Werften besuchen. So besichtigten wir auch Malö in Kungsviken. In vielen kleinen Buchten der Insel Orust ist ein Werftbetrieb beheimatet, man sieht vielerorts große Winterlagerhallen. Die ehemalige Najad Werft in Henån ist nun ein Servicebetrieb vom Feinsten, hier stehen die Boote in den Baufächern zur Pflege.
Die viele Jahrhunderte alte Bootsbautradition ist hier überall sehr deutlich präsent. Kein Wunder, dass in den Marinas der Insel nahezu ausschließlich einheimische Qualitätsyachten liegen. Hier kam bei mir erstmals während einer Besichtigungsreise das Gefühl auf, am richtigen Platz zu sein.
Im werfteigenen Hafen konnte man natürlich auch neue Boote HR-Boote besichtigen. Auch Werftchef Magnus Rassy war anwesend, um sich mit Besuchern über seine Yachten zu unterhalten. Nach einem Blick in die Prospekte und Preislisten betraten wir bescheiden nur ein kleineres Modell. Helga schien die 372 sehr zu gefallen.

Dann warf ich nochmal ein Auge auf CARA MIA. Der Rest ist Geschichte.

Buchtipp:
Båtbyggare på Orust
von Margareta Bremertz und Eva Borge

ISBN Englische Ausgabe: 9789188435101
ISBN Schwedische Ausgabe: 9789188435095

Ein Artikel von Magnus Kullberg